MÄRCHEN DER FISCH JOHANAN Es war einmal ein Teich, der lag in einem großen Garten und blickte wie ein großes Auge zum Himmel hinauf. Seerosen hoben ihre Köpfe leicht über das Wasser der Sonne entgegen, während ihre breiten sattgrünen Blätter Landeflächen für Libellen und Schmetterlinge waren. Manchmal tauchte eine Wassernixe aus der Tiefe auf, setzte sich am Rand des Teichs auf die glitzernden Kieselsteine und reckte ihre Arme der Sonne entgegen, während auf ihrem langen Haar die Wassertropfen im Licht funkelten. Sie war ein Geschöpf, das schon alle Elemente in sich trug, das Wasser, das ihre Heimat war, die Erde in der gebogenen Wirbelsäule, die Luft als Lebensatem und das Feuer, das von der Sonne in ihre Seele strömte. Sie war ein binäres Geschöpf, halb Fisch, halb Frau, zwischen zwei Welten, dem Wasser, ihrer irdischen Heimat, dem Licht, ihrer ewigen Heimat. Wenn sie im Dunkel der Tiefe die Wurzeln der Seerosen mit ihrem schlanken Leib umschlang, dämmerte die Ahnung von der Einheit alles Lebendigen in ihr auf, und sie erschauerte. Eines Tages kamen Kinder über die Wiese gelaufen. Sie hatten ein großes Glas in der Hand, darin schwammen zwei kleine silberne Fische, ein Männchen und ein Weibchen. "Wir züchten Forellen," sagten sie stolz und leerten das Glas mit den Fischen aus. Was waren die beiden kleinen Forellen froh, dass sie jetzt mehr Bewegungsfreiheit hatten und ihre Nasen nicht mehr an Glaswände stießen! Täglich kamen die Kinder und brachten ihnen Leckerbissen, und sie genossen ihre großartige Freiheit, schwammen und fraßen und paarten sich, und bald war aus dem Teich ein richtiger Forellenteich geworden. Sie waren glücklich, denn sie wussten nicht, dass sie nur lebten, um eines Tages auf den Tellern der Kinder zu landen. Es war so viel Kurzweil in ihrem Leben und so wenig Mangel an den alltäglichen Dingen des Lebens, das genügte ihnen. Sie hatten eine durch und durch realistische Lebensperspektive, lebten im Augenblick, glaubten an das, was sie sehen und fressen konnten, und wenn man ihnen gesagt hätte, sie würden selber einmal gefressen werden, hätten sie gelacht, obwohl Fische eigentlich nicht lachen können. Nur einer, der Patriarch der Fische-Familie, Johanan, ahnte, was geschehen würde, und so fand er an ihrem lustigen Treiben keinen rechten Gefallen. Eines Tages - unterwegs auf seinen Streifzügen - entdeckte er die Hinterflosse eines Fischweibchens. Aber es schwamm nicht im Wasser umher, sondern saß am Ufer und hielt den Kopf der Sonne entgegen. Es war eine für Fische etwas ungewöhnliche Haltung, aber er hatte ein Faible für ungewöhnliche weibliche Wesen. Also sprang er mehrmals hoch in die Luft, um sich dieses seltsamen Anblicks zu vergewissern. "Johanan", sagte die Nixe, "wie kannst du glauben, du seiest eine Forelle! Weil ich Seelenaugen habe, kann ich tief in dich hineinschauen. In deinem Inneren lebt ein ganz anderer Fisch. Ich werde ihn herauslocken mit dem Feuer, das in meiner Seele lodert. Wenn du mich täglich einmal besuchst, werde ich dich verwandeln, deine silberne Haut wird golden werden." Johanan hörte die Worte und bewegte sie in seinem Herzen. Und er kam täglich zu der Nixe, und sie durchglühte ihn und entfachte in ihm, der nur das Element Wasser in sich trug, einen Funken Feuer. Er hatte Feuer gefangen, und es brannte lichterloh in ihm und färbte seine Haut zuerst rot, dann golden. Er war ein Goldfisch geworden. Als die Kinder ihn sahen, riefen sie entzückt: "Ein Goldfisch, ein Goldfisch!" Und weil es gerade Karfreitag war, fingen sie die Forellen, trugen sie nach Hause, und bald zog der Fischduft über die grüne Wiese hin zum Teich. Johanan blieb allein im Wasser zurück. Und die Nixe sprach mit ihm und spielte mit ihm, und er küsste sie, und sie setzte ihm eine goldene Krone auf. Da war er das geworden, was er wirklich war, ein König im Reich der Fische. Edith Zeile, Märchen aus 2001 Nacht. Niebüll (videel), 2002 |